Christoph Nix

Intendant am Stadttheater Konstanz,
Initiator der Russland-Spielzeit 2008/2009


Er trägt bequeme Laufschuhe, er ist irgendwie immer auf dem Sprung, und seine weiße Mähne weht im Wind, obwohl es nicht windig ist. Er muss schnell disponieren und Termine schieben, das Haus brummt, übermorgen ist Premiere, am Wochenende Literaturfest, dazwischen schiebt sich Verwaltungstechnisches, und das große Ganze soll auch noch bedacht werden: ein neuer Spielplan braucht ein Jahr Vorlauf.

Herr Nix macht vieles auf einmal und das Viele auch ganz intensiv: weniger geht nicht. Die Intendanz hat er angetreten mit dem ehrgeizigen Ziel, Konstanz zu einem Theaterort zu machen, über den man spricht, auch über die Seeregion hinaus, und daneben ist er der Faszination des Theaters selbst erlegen: dem Schaustellerischen, dem Unmittelbaren, der Berührung. Gern inszeniert er selbst, und noch lieber steht er  auf der Bühne, und Romane schreibt er auch, kurz, der Mann hat zu tun. Jetzt scheint die späte Oktobersonne über den See und in das Erkerfenster seines Büros in der Inselgasse. Das schöne Bild stimmt ihn kurzzeitig elegisch – „Ich habe zu viel vor, aber das Leben, wie viel Zeit lässt es uns noch?“

Ich würde gern über das Leben im Allgemeinen reden, über die unerwarteten Wendungen und Überraschungen unserer Biografien, aber jetzt soll es noch einmal um Russland gehen, um die vergangene Spielzeit, noch nicht so lange her und doch längst Geschichte, und im Theaterleben ist das unerbittlicher, als anderswo: Vorbei ist vorbei.

Professor Christoph Nix, Sie haben Mut bewiesen, als Sie entschieden, mit einem kleinen Theaterensemble das größte Land der Welt zu erspielen, ausschließlich und eine ganze Spielzeit lang, auf allen Bühnen des Hauses. Herr Nix, warum Russland?

Weil es, so sagt er, an der Zeit war. Es geht immer noch um Aussöhnung, es geht immer noch um Ängste, er denke da an die kulturpolitischen Implikationen des Zweiten Weltkriegs. Es geht aber auch darum, die Dinge, die aktuell in Russland geschehen, zu zeigen und zu hinterfragen. Die Situation im Kaukasus, die Morde an Bürgerrechtlern und Journalisten, die Befürchtung, dass das Land in eine neue Diktatur hineintreibt: wir wollten ein Zeichen der Teilnahme setzen. Und schließlich ist Russland ein Land mit einer reichen Bühnenliteratur und einer Theaterkultur, die hier im Südwesten ziemlich unbekannt ist. Also, es gab etwas zu entdecken, und wir wollten unsere Zuschauer zu dieser Entdeckung einladen.

Ist das Interesse an Russland ein Lebensinteresse, typisch für die Leute, die Achtundsechzig geprägt hat?

„Nein, meine persönlichen Beziehungen zu Russland sind durchaus ambivalent.  Natürlich gab es immer Interesse, Begegnung, Faszination. Aber auch Erschrecken und Unverständnis, also der Wunsch, es zu verstehen und dran zu bleiben.“

Dann war Ihre Russland-Spielzeit auch so eine Art intellektuelle Lauterkeit?

„Wenn Sie es so nennen wollen…“

Sie haben ja zwei Karrieren miteinander verbunden, die des Strafrechtlers und die des Theatermenschen. Sind Theater und Gerechtigkeit nicht so weit voneinander entfernt?

„Das wünschen wir uns natürlich. Aber letztendlich geht es im Theater um die Zuschauer.“

Die russische Spielzeit fing ganz sanft im Stadttheater an mit Tschechow und dem Sehnsuchtsruf der Drei Schwestern „Nach Moskau“. Dann kamen die Moskauer Bulgakow und Pasternak ins Spiel, die Untergrund-Klassiker des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, die zeigten, dass Moskau kein Sehnsuchtsort ist. Schließlich stand die reife  Sowjetepoche auf dem Spielplan, diese unfassbare Menschenverschling-Zivilisation, bei der die Russen mittlerweile selbst Berührungsängste haben: Boris Wassiljews „Im Morgengrauen ist es noch still“, als streitbar inszeniertes Anti-Kriegs-Stück um fünf junge Frauen, die sinnlos in den Tod gejagt werden, und  „Der Drache“ von Jewgenij Schwarz, als traurige Allegorie um die Unbezwingbarkeit von Diktaturen. Keine leichte Kost. Aber was dann kam, war noch schwerer: Die Gegenwart. Mit  „Terrorismus“ und „Nordost“ kamen die Aktualität und das postsowjetische Zeitalter auf die Bühne,  Putins monströses Russland. Die Aufführungen in der Werkstatt und in der Spiegelhalle, die Entdeckung zeitgenössischer Dramatiker mit Iwan Wyrypajew und den Brüdern Presnjakow, das Rahmenprogramm mit Vorträgen und Diskussionen, das „Büro Moskau“, das Festival der neuen russischen Dramatik im April, wo es  Dokumentarfilme, Lesungen, Gastspiel, Konzert und natürlich Russendisko gab, und und und. Schlichtweg gigantisch. Und meist ist es gelungen, die Botschaft der Stücke in die liebliche Bodenseeregion quasi hineinzudrehen, ihnen eine über Russland und die Tagesaktualität hinausgehende Allgemeingültigkeit zu geben. Bis zum großen Bogenschlag mit  „Menschliches Versagen“, dem Stück über den Flugzeugabsturz in Überlingen und westöstliche Familienmodelle. Das Theater: ein Durchgangshaus in offene Räume, und nun war der Raum so groß, dass wenig Resonanz zurückgekommen ist.

Herr Professor Nix, mich hat die stringente Logik hinter der Auswahl der Stücke begeistert, die Sachkenntnis, die programmatische Arbeit. Sie haben den Metatext der russischen Dramatik des 20. Jahrhunderts auf die Bühne gebracht. Haben Sie etwas bewirkt?

Dazu möchte Herr Nix nicht so viel sagen. Das große Wunder ist nicht geschehen. Die Zuschauerzahlen sind beinahe konstant geblieben. Ein Aufbruch von Parallelgesellschaften ist nicht erfolgt, messbar mehr Jugendliche und theaterferne Neuzuschauer hat das Programm nicht generiert.  Es sind vielleicht auch Prozesse in Gang gekommen, die langsam sind. Die Integration von russischstämmigen Bürgern drückt sich nicht darin aus, dass sie öfter ins Theater gehen, sondern dass sie erkennbar spüren, ihrem Land wird Interesse entgegengebracht. Aber man muss es nicht schönreden. „Wir hatten mit mehr Unterstützung gerechnet“, sagt Christoph Nix.  „Wir fühlen uns etwas allein gelassen, auch von der Politik. Wir haben heiße Eisen angefasst, und viel in Bewegung gesetzt. Aber unser Engagement  hat sich nicht finanziell bemerkbar gemacht.“

Aber Sie hatten das Ensemble hinter sich. Die Schauspieler haben Unglaubliches geleistet.

Es war viel verlangt, diesen Aufführungsmarathon durchzustehen. Um die drastischen Themen zum Publikum zu bringen, war besonderer Einsatz gefordert, Intensität und Körperlichkeit. Auch die Leistungen der Regisseure muss hervorgehoben werden. Sie haben alle eine völlig eigene Bildsprache entwickelt.  
Es gab auch Skandale, Skandälchen – etwa bei der Aufführung „Der Drache“ (Regie Jo Fabian) die Vergewaltigungsszene zu Rammsteins Rein Raus, da kam es zu Beschwerden beim Bürgeramt. Das ist nicht die Art von Wirkung, die erhofft wurde, aber es zeigt die Ernsthaftigkeit, mit der hier Theater gesehen wird.  Was hätte, bestenfalls, passieren können?

Erkennbar sein und nicht austauschbar, ist das nicht auch schon ein großer Gewinn?

Während auf vielen Bühnen austauschbare Programme laufen:  Cross-Media-Produktionen, Bestseller-Adaptionen für Leute, die im Theater das sehen wollen, was schon im Kino und durch die Literatur gelaufen ist, die Dramatisierung von Feuchtgebiete, der Schulstoff für die Abiturienten… ist es ein großer Gewinn, dass das Theater Konstanz die eingefahrenen Wege verlassen hat. Herr Nix lacht. „Ist ja schön, wenn es so rübergekommen ist. Aber die Gegend hier ist ein bisschen zu klein, es fehlt an Resonanzraum, es fehlt an Einzugsgebiet.“

Was bleibt also von den Russen?

Eine provokative, intensive, schockierende, verspielte, selten auch lyrische Spielzeit ist zu Ende. Jetzt ruft die Reallebenszeit. Herr Nix springt auf, „Nein, Russland ist vorbei, jetzt muss ich mich erst mal um Afrika kümmern“. Nun gut, wir müssen uns damit abfinden: vorbei ist vorbei, im Theater mehr als sonst irgendwo. Aber wir hoffen, dass das Potential für Entdeckungen nicht ausgeschöpft ist, dass es spannend bleibt am See, den die Herbstsonne in milchiges Licht taucht.

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