Philippe Ehwald

Als Zivi in Sankt Petersburg. Ein Erlebnisbericht

Petersburg, die Kulturstadt Russlands, erschaffen aus dem Nichts, auf  reiner Sumpflandschaft, zählt zu den interessantesten und schönsten Städten Europas. Die Stadt, in der sich die intellektuelle Szene Russlands beheimatet fühlt, und die stets versucht sich von Moskau, dem Giganten, abzusetzen, hat sehr starken Eindruck auf mich gemacht.


Meinen „Anderen Dienst im Ausland“, der auf Vermittlung des Diakonischen Werkes Hamburg zustande kam, trat ich als Helfer in einer Einrichtung für Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Familien und später in einer Obdachlosenhilfsstation an. Diese Tätigkeiten haben mir auch die andere Seite der Stadt gezeigt. Vor allem die große Zahl an Straßenkindern, von denen nur die wenigsten meine Organisation als Anlaufstelle nutzen, hat mich sehr erschrocken. Das zeigt, dass Russland im sozialen Sinne noch viel zu bewerkstelligen hat. Wenn man jedoch den Zielstellungen der Regierung Glauben schenken darf, was ich persönlich tue, dann wird sich diese Situation in den nächsten 5 bis 10 Jahren spürbar verändern. Und trotz schwerer Umstände, können die meisten Russen ihrer Lebenssituation immer etwas Positives abgewinnen, was ich sehr an ihnen schätze.

Meine Arbeit mit den Kindern bestand darin sie zu beschäftigen. Ich spielte mit ihnen so zum Beispiel Tischtennis und Schach, kochte mit ihnen, oder wir taten, was uns mit den Kindern so einfiel. Es hat viel Spaß gemacht. Das Zentrum finanzierte sich aus Spenden von Organisationen aus verschiedenen europäischen Ländern und wurde teilweise auch vom russischen Staat gestützt. Die Arbeit der Leiterin des Zentrums kam mir leider größtenteils sehr unprofessionell vor. Ich hatte stets das Gefühl, die Möglichkeiten unserer Arbeit mit den Kindern wären nur zu einem Bruchteil  ausgeschöpft. Das Zentrum war also mehr ein Hort für die Kinder, in das ein kleiner Teil von der Straße zum Essen kam und sich medizinisch versorgen ließ. Zweimal in der Woche wurde Essen an „echte“ Straßenkinder verteilt. Diese Runden waren zwar auf der einen Seite unangenehm, auf der anderen Seite jedoch auch interessant. Die Kinder leben in einer völlig eigenen Sozialwelt, aus der einige, wie ich das Gefühl hatte, auch gar nicht mehr weg wollten. Da ich in Petersburg den größten Teil meiner freien Zeit mit Freunden verbrachte, konnte ich gut Abstand zu meiner Arbeit finden.
Meine Tätigkeit mit den Obdachlosen war recht einfach. Obwohl viele Obdachlose den Weg auf die Straße ganz sicher nicht freiwillig gegangen sind, hatte ich häufig das Gefühl, dass viele Betroffene sich längst mit ihrem Schicksal abgefunden hatten und einfach die Hilfe entgegen nahmen, die ihnen angeboten wurde. Die Fahrten mit den beiden Nachtbussen, auf denen ich mit Kollegen Essen an die Obdachlosen verteilte, waren sehr spannend. Wir brachten von Montag bis Freitag das Essen an verschiedene Stationen in der Stadt, und wenn es klappte, fuhr einmal in der Woche ein Arzt mit, um kleine Verletzungen und medizinische Probleme vor Ort zu begutachten. Meine Aufgabe in der Obdachlosenstation bestand darin, die Behälter für das Essen zu waschen, Brot zu schneiden, Tee zu kochen und mindestens einmal in der Woche die Busse zu reinigen.

Besonders beeindruckend war für mich natürlich die Zeit in St. Petersburg vor und nach der Arbeit. Ein gewaltiges Angebot an kulturellen Einrichtungen, ein wunderschönes Zentrum und das vielfältige Nachtleben. Da die Arbeit für den „Anderen Dienst im Ausland“ von deutscher Seite finanziell nicht unterstützt wird, habe ich in meiner Freizeit über 7 Monate als Barmann in einem bekannten Rockclub gearbeitet und hatte damit jeden Samstag ein volles und sehr abwechslungsreiches Programm.

Das Wichtigste, was mir dieser Aufenthalt gegeben hat, sind die neuen Freunde, die mir sehr ans Herz gewachsen sind. Man kann sagen, dass Russen, wenn sie mit jemandem Freundschaft geschlossen haben, bereit sind, wesentlich mehr füreinander zu tun, als das oft in Deutschland der Fall ist. Vertrauen zu und von diesen Leuten ist etwas, was ich auf diese Weise bis dahin in Deutschland noch nicht erfahren hatte. Alle, egal ob schon länger oder erst sehr kurz mit dir  bekannt, laden dich ein, unternehmen etwas mit dir und sind sehr aufgeschlossen. Das hängt sicherlich auch damit zusammen, dass die Beziehung zu einem Ausländer für viele etwas Exotisches hat. Die Mehrzahl der Russen, mit denen ich Bekanntschaft schloss, ging aber auch untereinander auf die mich beeindruckende Art und Weise miteinander um. Ich kann jedem nur empfehlen, dieses Land, und natürlich auch die Stadt Sankt Petersburg, zu besuchen. Russland ist mit seiner Vielseitigkeit und der raschen gesellschaftlichen Entwicklung der letzten Jahre ein sehr interessantes und beeindruckendes Land geworden.

zurück zur Übersicht

zum Seitenanfang
zum Seitenanfang