Moskau, Bel Etage Grigori Rjaschski

Roman. Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. Kiepenheuer & Witsch


Es ist ein Haus im Moskauer Jugendstil und in mustergültigem Zustand – nicht wie die anderen, an denen der Zahn der sozialistischen Wohnungsverwaltung genagt hat. Es wird immer noch bewohnt von seinem Erbauer, dem jüdischen Architekten Semjon Mirksi und seiner Frau Rosa, die mit sanfter Hand und gegen alle Anfechtungen einer fatalen Epoche die Familie, die Wohnung und das ganze Haus auf Vordermann gehalten hat. Aber nicht verhindern konnte, dass über die Jahre eine ganzen Schar von Emporkömmlingen, Sowjetmob, gewissenlosen Funktionären, gescheiterten Künstlern, eingeschüchterten Hausmädchen und verzogenen Jugendliche Einzug hielten. Rosa Mirskaja, die Frau des Architekten, hat die Kraft, sie alle in ihre Liebe einzubeziehen. Es ist eine Geschichte von der Art, wie wir sie gern lesen – Familie, Kunst und Wohnkultur widersetzen sich Habgier und Skrupellosigkeit, und die Großherzigkeit der gutmütigen alten Rosa rettet alles.  
Das Haus steht an einem wundersamen Ort, im stillen Winkel der Trjochprudny Gasse. Stiller Winkel? Für die Literatur keineswegs. Das ist doch die Gegend um die Patriarchenteiche, und dort wimmelt es geradezu von Unbehausten und Beelzebuben aller Art, seit Bulgakow seinen Meister und Margarita in Moskau beheimatet hat. Bei Rjaschski hat sich der Teufel wieder einmal vermenschlicht und eine Sowjetbiografie angenommen, es im Übrigen aber auf Picasso abgesehen, der in der Wohnung des jüdischen Architekten hängt. Aber wir greifen vor, der geschätzte Leser soll sich selbst in den Bann dieser Moskauer Familiengeschichte ziehen lassen.
Und er wird erfahren, dass Lager kein erholsam-erzieherischer Begriff aus dem Scoutleben ist, und dass auch ein KGB-Offizier, der sich für „schöner Wohnen“ durchaus sich nicht scheut, seine Mitbürger in ebendiese Lager zu schicken, eine Wandlung zum Guten erfährt, die ihn dazu befähigt, dem Teufel das Handwerk zu legen. Und so wird zum Schluss deutlich, dass die Menschen am wandlungsfähigsten sind, die ihren Idealen treu bleiben.
Es ist ein schön und spannend erzähltes Moskauer Märchen, über die Beständigkeit der kulturellen und geistigen Grundwerte dieser Stadt, die zwar aus allen Nähten platzt und Mühe hat, das Aufgenommene unterzubringen, aber trotzdem großzügig und offen ist. Es ist auch die Geschichte einer Gesellschaft, die sich mit ihrer dunklen Epoche aussöhnen muss und nach Mustern der Vergebung sucht. Wenn sie, für meinen Geschmack, auch ein bisschen zu versöhnlich geraten.
Der Autor Grigori Rjaschski, Jahrgang 1953, ist in Russland vor allem als Drehbuchautor und Filmproduzent bekannt. Er ist ein Neffe der bekannten Autorin Ljudmila Ulizkaja und hat in seinem Buch auch Episoden aus seiner eigenen Familiengeschichte verarbeitet.

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