Daniel Stein (Ljudmila Ulitzkaja)

Roman Hanser, 2009

Der neue Roman von Ljudmila Ulitzkaja ist eine Überraschung. Wir kennen sie bisher als Autorin tröstlich und klug erzählter Frauengeschichten, in denen die weiblichen Hauptpersonen zwischen Alltagsbewältigung und Familienkatastrophen hin und hergerissen waren. Handlungsort war Russland, oft Moskau, mitunter die russische Diaspora im Ausland, und es ging um die Nöte und den Glücksanspruch der russischen Frauen unserer Zeit. Ihr neues Buch ist anders: Es ist ein Roman, der die ideologischen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts in einer biografischen Fiktion reflektiert. Im Mittelpunkt steht die Lebensgeschichte des Juden Daniel Stein, katholischer Mönch in Israel. Ljudmila Ulitzkaja schrieb ihren Roman aus der Faszination persönlichen Bekanntschaft mit Daniel Rufeisen, der realen historischen Person hinter der literarischen Figur des Daniel Stein.

Daniel Stein wuchs in Polen in einer deutschsprechenden jüdischen Familie auf. Nach Ausbruch des Krieges gelangte er nach Weißrussland, wo er unter falscher Identität bei der Gestapo in als Übersetzer arbeitete. Er nutzte seine Position, um Hunderte Juden aus dem Ghetto der weißrussischen Kleinstadt Emsk vor der Vernichtung zu bewahren. Als er verraten wurde, fand er Unterschlupf in einem Kloster der Karmeliterinnen, dort hatte er sein spirituelles Erweckungserlebnis und  fand  den Weg zum katholischen Glauben. Er ließ sich taufen, verließ die Nonnen, um sie nicht stärker zu gefährden und schloss sich den Partisanen in den weißrussischen Wäldern an, nicht ohne auf großes Misstrauen zu stoßen und zunächst zur Erschießung verurteilt zu werden. Als Weißrussland von der Roten Armee befreit wurde, arbeitete er eine Zeitlang beim NKWD, später ging er in ein Kloster in Kraków, ehe er sich zur Ausreise nach Israel entschloss. Dort wollte er als katholischer Mönch die Lehren des frühen Christentums verbreiten und die Jerusalemer Urgemeinde zum Leben erwecken. Das Vorhaben, aus seinem Wissen um die trennende Kraft der Religionen entstanden, stieß sowohl in Israel wie auch bei der katholischen Kirche auf Verdacht und Ablehnung.

Ljudmila Ulitzkaja überrascht nicht nur mit der Wahl des Themas, sondern findet auch eine ganz besondere Form. Sie nennt es Roman-Collage, und vereint verschiedene Textsorten: Briefe erdachter und realer Personen, Erinnerungen, Archivmaterialien, offizielle Dokumente, Gespräche, Telegramme, Tonbandaufzeichnungen, geheime Berichte von Zuträgern und Denunzianten. Aus den Textsplittern fügen sich fiktionale Familienschicksale des vergangenen Jahrhunderts zusammen. Die alte Esther, die in Boston zwischen wertvollen Handschriften lebt, Rita, eine verbohrte Kommunistin, die im Altersheim in Haifa zum Katholizismus übertritt und Ruhe findet, Ewa, Ritas traumatisierte Tochter, eine vierzigjährige Amerikanerin mit jüdisch-polnischen Wurzeln, die nicht damit klar kommt, dass ihr Sohn schwul ist, die Deutsche Linda, die Versöhnungsarbeit leistet, als Helferin in Daniels Gemeinde arbeitet und eine tragische Liebesgeschichte mit dem christlichen Araber Mussa erlebt, der verrückte Einsiedler Fjodor, der ein Geheimnis sucht und die Elias-Kirche an der Quelle, die Wirkungsstätte des Bruders Daniel, zerstört, die katholische Nonne Teresa, die eine Scheinehe mit einem orthodoxen Geistlichen eingeht, um mit ihm nach Israel auszuwandern, und hier ihre wahre Bestimmung zu erfahren, ein Zionist mit russischen Wurzeln in Hebron, dessen harte Lebenshaltung seinen Sohn in den Suizid treibt: alle diese Geschichten ranken sich um die Person des Bruders Daniel, und zeigen ihn in seinem Wirken, manchmal auch in seiner Hilflosigkeit. Das zwanzigste Jahrhundert war das Jahrhundert der Ideologien, die ideologischen Auseinandersetzungen ziehen sich in jede Lebensgeschichte hinein.

„Daniel Stein, Übersetzer“ heißt das Buch im russischen Original, und der Titel meint das symbolische „um-Verständigung-ringen“, das das Leben der Protagonisten prägt, es geht um  Verständigung  zwischen den Sprachen, zwischen den Religionen und letztendlich zwischen den Menschen und Gott. Ljudmila Ulitzkaja hat ein ehrgeiziges Opus Magnum vorgelegt, mit dem sie sich selbst übertroffen hat, vielleicht aber auch Leseerwartungen enttäuscht. Denn einfach ist die Lektüre nicht, das leicht Dahinfließende ihrer früheren Bücher ist einem erzählerischen Kraftakt gewichen. Die Auflösung und Verflechtung der Handlung in den verschiedenen Erzählsträngen führt zu gelegentlichen Wiederholungen, und es geschieht wenig literarisch Überraschendes, aber es ist ein sehr berührendes Buch über einen außergewöhnlichen Menschen und über die Unmöglichkeit der Versöhnung in Israel.

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