Dreissig Jahre später. Für Ines, Uta und die anderen

2010 könnten wir Jahrestage begehen, den dreißigsten unserer Ankunft in Iwanowo und den fünfundzwanzigsten des Studienabschlusses. Wie weit entfernt ist das aus heutiger Sicht?  Eine gefühlte Ewigkeit.  Aber: es hat sich erstaunlich wenig geändert. Der Verkehr ist dichter geworden und die Straßenbahn fährt nicht mehr. Ja, die fehlt, diese klingelnde, quietschende Unerschütterlichkeit auf Schienen hatte unsere Geräuschkulisse gestaltet. Stattdessen gibt es Marschrutki, 10 Rubel pro Fahrt, man reicht sie dem Fahrer nach vorn durch. Die Straßen tragen immer noch ihre alten Namen, „po Fridrichu“ und „po Leninu“ kommt man zu den bekannten Orten. Vom Chemieinstitut wurde die Losung auf dem Dach entfernt, was das Gebäude seltsam unproportioniert erscheinen lässt. Die Uni ist frisch gestrichen, der Lesesaal renoviert und die Toiletten wurden nach „europäischem Standard“ umgebaut. Die Vorlesungsräume sind unverändert. Im Kabinett für Russisch als Fremdsprache hängen noch die alten Wandzeitungen mit unseren Fotos. Das Lenindenkmal vor dem dritten Korpus ist einem Beet mit roten Salvien gewichen – ein roter Retter gegen viele Salvien – ob das der Gärtner wirklich so  gemeint hat? Am Gehaltstag bekommen die Dozenten immer noch ihr Geld durch das kleine Fensterchen der Buchhaltung gereicht, so dass man sie alle im Foyer des dritten Korpus treffen kann, wenn man möchte.

Wie nicht anders zu erwarten in dieser langen Zeit, sind viele unserer geschätzten Lehrer gestorben, Pawel Vjatscheslawowitsch, Lew Sacharowitsch und die wunderbar aristokratische Alexandra Michailowna, ganz zuletzt, hochbetagt und hochgeehrt, auch Ljudmila Anatoljewna. Sie alle haben unter schwierigsten Bedingungen das Erbe der russischen Intelligenzija bewahrt und uns großzügig und leidenschaftlich daran teilhaben lassen. Die meisten von ihnen hatten bis ins hohe Alter eine Stelle an ihren Lehrstühlen inne. Das hat auch zu dieser gefühlten Kontinuität beigetragen, die sowohl die Lehrpläne und Lehrinhalte betrifft, wie auch die Graduierung der Hierarchien einschließlich der damit verbundenen sozialen Vergünstigungen, die Struktur der  Lehrveranstaltungen und die Aufnahme- und Prüfungsrituale. Kein Bologna, keine Evaluierung, keine Stellenkürzungen. Allerdings auch keine adäquate Entlohnung, ein Hochschullehrer kann mit seinem symbolischen Gehalt (als Professor in der höchsten Besoldungsstufe ca. 500 Euro) kaum über die Runden kommen.
Die meisten unserer Dozenten sind noch da, Erna Wladimirowna, Leonid Nikolaewitsch und die charmante Natalja Wassiljewna, die sich gar nicht verändert hat, und Frau Burowa und Frau Babajewa. Frau Goloskokowa trägt immer noch die gleiche Frisur und den gleichen Rock, hat aber eine neue Leidenschaft entwickelt: sie sammelt Filme und soll sich unter den örtlichen Cineasten des Rufs einer Filmkoryphäe erfreuen. Einige der jüngeren Dozenten sind aus „der Mitte des Lebens“ gerissen worden, wie Wladimir Musatow und Alexander Ageew, die den Werteverlust der schlimmen Neunziger mit besonderer Sensibilität wahrgenommen hatten.

Unsere russischen Kommilitoninnen dagegen sind in viele Richtungen auseinander gegangen, und wer hätte gedacht, dass sich Weltläufigkeit einstellen wird bei diesen Mädchen, die damals, in der geschlossenen Gesellschaft der Achtziger, wie ewige Nesthäkchen wirkten. Wer sich in Erinnerung üben möchte, der nehme jetzt das alte Gruppenfoto zur Hand oder melde sich bei „odnoklassniki“ an. Olja ist in Israel, eine Lena in den USA, und die Lena, die über all das Auskunft geben konnte, ist, wie andere auch, geblieben, hat der Stadt durch schwere Jahre die Treue gehalten, Kinder großgezogen, durch Zufall habe ich sie im Heimatmuseum angetroffen, weil mich der Verbleib der Freimaurer-Kollektion Burylins interessiert hatte.

Überhaupt, die Museen. Die Stadt hat ein schweres Erbe von Revolutionsgeschichte und mutwilliger Zerstörung zu tragen und auf welche Traditionen man sich auch besinnt, es ist immer eine Portion Bitterkeit dabei. Zum Glück wurden in den letzten Jahren die Verdienste Dimitri Burylins ins rechte Licht gerückt. Seine Sammlungen, soweit nicht verstreut und verschleudert, sind öffentlich zugänglich und gut dokumentiert, das von ihm gebaute Heimatmuseum ist von oben bis unten mit Kuriositäten vollgestopft wie eine barocke Wunderkammer, und seine Villa beherbergt jetzt das aparte und liebevoll gestaltete Chinz-Museum, dessen Bestände auf seine Druckstock-, Muster- und Sarafan-Sammlungen zurückgehen. Und das Kunstmuseum, das seine Gemäldesammlung beherbergt, wird saniert.

Das Museum des Ersten Sowjets, das besonders viel Geschichtsfälschung bereinigen musste, ist jetzt am richtigen Ort, in dem Haus, in dem 1905 die historische Ratsgründung stattgefunden hat, die die Stadt zur angeblichen Wiege der Revolution gemacht hat. Es ist ein kleines Haus, es war eine kleine Versammlung. Das Diorama gibt es nicht mehr, die Proportionen sind wieder hergestellt. Der erste Sowjet war, so zeigt es die Ausstellung, eine beispielhaft demokratische Angelegenheit. Und zur Rechtfertigung schlimmster Diktatur missbraucht, im roten Ancien Regime Lenins. Ganz neu ist das Zwetajew-Museum in Talize, das der väterlichen Linie Marina Zwetajewas gewidmet ist, einer Priesterfamilie mit vier Söhnen. Einer dieser Söhne wurde dann der Vater Marinas und der Gründer des Moskauer Kunstmuseums, das wir als Puschkin-Museum kennen. Leonid Nikolaewitsch und seine bezaubernde Tochter waren so freundlich, uns dorthin zu begleiten und uns die Magie dieses besonderen Ortes unter Ebereschen und neben der lebhaft bimmelnden Dorfkirche, – es war Eliastag, – nahezubringen.

Was geschieht aber mit all der Heroen- und Revolutionsfolklore, mit den Heldenstaßen, Talka-Monumenten, mit den Gedenkorten unter freiem Himmel, seit die Pioniere sie nicht mehr frequentieren? Die zentral gelegenen werden gepflegt und geben Raum für die abenteuerlichsten Sinnverschiebungen. Das Denkmal für die „gefallenen Frauen“ auf dem Bahnhofsplatz, die barfüßigen Bannerträger auf dem Platz der Revolution, im Volksmund „Steh auf, es ist schon elf“, genannt, das Siegerdenkmal auf der Freifläche neben dem Kino  sind Gegenstand milden Spotts und freundlicher Anekdoten und gehören zu den städtischen Wahrzeichen, an denen man sich verabredet. Die abgelegenen Denkmäler verfallen und verwildern. Und dann gab es da doch die Büste der Golubewa, jener Dame, die in den 80-ern sechsunddreißig Mal den  Jahresplan übererfüllt hatte und zwei Mal Heldin der Sowjetunion geworden ist, wofür ihr  ein Denkmal zustand, dass sie nicht haben wollte, denn die Hooligans hängten immer wieder Büstenhalter an der Büste auf, bis Frau Golubewa beleidigt war und die Plastik an ihren ländlichen Geburtsort versetzen ließ. (Ich schreibe deshalb so viel über Denkmäler, weil ich das Prinzip immer noch nicht verstehe und mir so gern darüber klar werden würde).

Also die Textilindustrie. Eine unerträgliche, schmutzige Angelegenheit, das Verhängnis dieser Stadt, auch früher schon. Globalisierung und Zerfall der Sowjetunion haben ihr den Todesstoß versetzt, es kam keine Baumwolle mehr aus Usbekistan, unter Marktbedingungen war sie ohnehin viel zu teuer, es gab keine Mittel für die dringend notwendige Modernisierung der Fabriken, die Webstühle waren für Breiten von  90 cm ausgelegt und nicht für 135, wie die moderne Bettwäscheproduktion erfordert hätte. Die großen Fabriken sind in Einkaufszentren umgewandelt worden. Das Kamwolnyj Kombinat wurde, mit Moskauer Geld, zu einem Hypermarkt, die Fabrik 8. März zum Einkaufs- und Vergnügungszentrum „Silberne Stadt“. Die Luft ist sauberer, die Arbeitslosigkeit gravierend, die Kriminalität auch. Einige Textilarbeiter haben sich als Kleinhändler und Gelegenheitsunternehmer neue, zum Teil fragile Existenzen aufgebaut. Der Mittelstand ist seit über zwanzig Jahren in Bewegung, von Arriviertheit kann keine Rede sein.

Die Stadt ist, trotz allem, gewachsen, vor allem, seit der kommunistische Gouverneur abgelöst wurde. Es gibt ausreichend modernen Wohnraum, die erfolgreichen Unternehmer haben sich „pathetische“ Häuser gebaut, mit Giebelchen und Türmchen und seltsamen Ausgeburten der Fantasie, aber immer mehr Menschen ziehen das Wohnen im „privaten Sektor“ vor, in den Holzhäusern, in denen sie sich autark und von Erhöhung der Kommunalabgaben unabhängig fühlen können.


Die „Nahrungssuche“ ist keine freizeitfüllende Beschäftigung mehr, wie vor dreißig Jahren, es gibt von allem genug, was bei älteren Menschen Erstaunen auslöst – früher wurden wir in den Kolchos geschickt, und im Laden gab es keine Kartoffeln und heute wird keiner mehr in den Kolchos geschickt, und im Laden gibt es alles, sagen sie. Gerade, wenn man mit den Älteren spricht, versteht man, wie schwierig es sein muss, einen Konsens für die postsowjetische Gesellschaft herzustellen. Manche, in der Regel ehemalige Beamte, sind zufrieden mit ihren spartanischen Lebensbedingungen, fühlen sich nicht verbittert oder um die Früchte ihres Lebens betrogen, sondern freuen sich auch bei kleinen Verbesserungen.  Die über Siebzigjährigen haben die mittlere Lebenserwartung längst überschritten und können in Ruhe alt werden. Wer bis jetzt überlebt hat, der stirbt nicht mehr, lacht Opa Wolodja, der achtzigjährige.

Die Kirchen, die neuen und die wieder aufgebauten, erfreuen sich großen Zulaufs auch von jungen Menschen. Eine religiöse Erziehung wird wieder als nationaler Wert betrachtet. Die „Rote Kirche“  im Stadtzentrum ist ein Nonnenkloster geworden, mit guten Ausbildungsmöglichkeiten für Mädchen. Durch die Kirche wird ein Großteil der sozialen Probleme aufgefangen.
Als Zeitreise-Startpunkt empfiehlt mir meine Freundin Irina den „Sozialladen“. Dort gibt es immer noch den original sowjetischen Warenbestand, Poloski, Prjaniki und Birnenbrause, Ledenzy und Trockenfisch, Mehl und Graupen lose, klebriges Kastenbrot und die grellste Buttercremetorte aller Zeiten, zu Preisen, die das Lebensminimum berücksichtigen (die „poloska“ kostet acht Rubel, ein Rubel heute ist eine Kopeke damals, denke ich). Mit der Nase voran trete ich ein, schlechtes Licht, scheckige Böden, Vitrinen mit den ewig haltbaren Lagerbeständen aus der Kalten-Kriegs-Zeit. Und die Gerüche… Die Gerüche rühren an die verborgensten Orte des Gedächtnisses. Möchte ich das wirklich, dass alles wieder da ist? Die Bilder von damals, Baubrigade und Studien-Stress, Mensa-Dämpfe und Dunkelheit, überwältigende Kälte und überwältigende Gastfreundschaft, halbherziger Protest und Liebe aus ganzem Herzen, Momente des Erkennens und der Unfassbarkeit,  will ich mich wirklich erinnern? Also schnell raus aus dem Déjà-vu  Laden. Dann atme ich erst mal auf, ja, das war einmal. Ja, da war einmal ich. Die Gesichtshaut umspannt noch die gleichen Konturen, die Umrisse des Körpers haben sich kaum geändert. Aber welche Erschütterungen gab es im Weltbild… Erschütterungen, oder einfach das Leben? Eltern sind gestorben und Kinder geboren und die Kinder werden bald selbst Eltern, und wir haben die Berufe gewechselt, die Interessen, die Lebenspartner, haben andere Länder und Kontinente  bereist und andere Antworten auf andere Fragen gesucht. Aber hier waren wir jung, angekommen auf dem großen Bahnhofsplatz, im klaren nördlichen Licht, mit zwei Koffern voll Besitztümer und einem Kopf voll Erwartungen. Und haben gesungen.

Weitere Bilder

SimpleViewer requires JavaScript and the latest Flash player.

Get Adobe Flash player

zum Seitenanfang
zum Seitenanfang