Die Selbstmordrate bei Clowns (Zerhij Zhadan)

Serhij Zhadan (Erzählungen und Texte) Jacek Dziaczkowski (Fotos)
Edition.fotoTAPETA

Dieses wunderbare Buch handelt von einem Grenzland mit dem Ausmaß Frankreichs, das dabei ist, sich zu konsolidieren. In dem dennoch unbegrenzt Grenzwertiges geschieht und die Selbstmordrate bei Clowns offensichtlich hoch ist, wie auch die Selbstmordrate bei Transportministern, Prostituierten, Energiepolitikern, Bankbesitzern und Hummer-Fahrern. Ein Land, in dem sich postsowjetische Machtstrukturen und nationale Wiedererweckungsideen gegenseitig neutralisieren  oder zu größtmöglichem Chaos beflügeln, in dem mit kindlicher Unbekümmertheit  korrumpiert, gefälscht und manipuliert wird, und Wirtschaft und Kriminalität so nah beieinander liegen, dass es unentwegt komisch ist. Der Filz als Fangnetz für Luftakrobaten ist literarisch ergiebig. 
Serhij Zhadan erzählt aus seinem gebeutelten Land mit einem lachenden und einem weinenden Auge, ganz im Sinne seines Landsmanns Nikolai Gogol. Nachdenklich und sarkastisch, testosterongesättigt und lyrisch, mit pseudowissenschaftlicher Betulichkeit und wilder Aufsässigkeit, aber ohne jegliche Nostalgie. Und er gibt ganz nebenbei einen sozialen Querschnitt der ukrainischen Gesellschaft:  vom Bewusstsein der Hausfrauen, die auch zum System gehören wollen, vom Lebensgefühl der  Bergarbeiter  im Donbass als Himmelfahrtskommando, von unerschrockenen Fußballfans  und psychisch labilen ausländischen Investoren, und von den Kindern, die trotzdem noch in einer Art Idealismus heranwachsen, ganz unbekümmert vom Verfall  um sie herum.  Er schreibt von nationalen Minderheiten und Schauspielern, und natürlich auch von den Politikern, die ein operettenhaftes Familiengeflecht bilden. Es sind eigenartig verzerrte Momentaufnahmen aus einem tief zerrissenen Land, das uns nah ist und sehr fern, ein Land, in dem es brodelt und gärt und in dem wahnsinnig fantasiebegabte Menschen wohnen. Und dann wünscht man der von Zhadan erdachten ukrainischen Mittelschicht aus Rastafari, Kommunisten, Freimaurern und Wettbürobesitzern, dass sie sich etablieren möge, ihre Ziele erreichen und Ruhe finden. Oder lieber doch nicht? Denn für die Literatur ergiebig ist die Unruhe auf jedenFall.

Man kann das Buch auf zwei Arten  lesen, als Kenner oder Nichtkenner der Ukraine. Im ersten Fall wird man sagen, Donnerwetter, was für eine Genauigkeit in der Beobachtung, welch tiefe historische Wahrheit, welcher Realismus. Und als Nichtkenner – Respekt - was für ein gewaltiger Überschuss an literarischer Energie, wie viel Witz und Einfallskraft und überschäumende Fantasie. Beide Lesarten scheinen einander auszuschließen, und genau das ist es, was den absurden Reiz der Texte ausmacht. Der kluge Autor dieses Buches, Serhij Zhadan ist vierunddreißig Jahre alt und lebt in Charkiv. Er hat Germanistik studiert und über den ukrainischen Futurismus promoviert. 1992 gründete er die Performancegruppe »Červona fira« (Roter Wagen) als ostukrainische Antwort auf »Bu-Ba-Bu« um Juri Andruchowytsch in Lemberg. Er ist einer der frechsten, einfallsreichsten und produktivsten ukrainischen Autoren, der Literatur auch als Aktion und Performance versteht. 
Die Übersetzung der schwierigen Texte, die in allen Farben zwischen Jugendslang und Parodie auf sowjetische Begriffsbyzantinistik changieren, wurde von Claudia Dathe mit Bravour bewältigt. Sie hat auch das Glossar erstellt.
Das Buch wäre nicht vollständig ohne die wunderbaren Schwarz-Weiss-Fotografien des (2006  verstorbenen) polnischen  Fotografen Jacek Dziaczkowski, der die ukrainische Mittelschicht in einem Moment des Stolzes porträtiert hat: aufrecht, in voller Größe, vor einem beinahe neutralen Hintergrund, und mit dem Erkennungszeichen der orangen Revolution.
Der Verlag edition.fotoTAPETA , der dieses schöne Buch initiiert und herausgegeben hat, macht Bücher für Leser und Betrachter in Polen und Deutschland parallel in der jeweiligen Landessprache. Und kann auf ein Künstlernetzwerk zählen, das sich diesseits und jenseits der Oder-Neisse-Grenze verortet. Wie unbelastet das deutsch-polnische Verhältnis inzwischen ist, könnte man an Projekten wie diesem zeigen. Möge den Machern nicht der Atem ausgehen, um an dieser Nahtstelle nach der Zukunft Europas zu fragen.

http://www.edition-fototapeta.eu/

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