MOJAMO. Mein Moskau. My Moscow Moja Moskva 1987-2009

Fotos von Jörg Esefeld und Sascha Neroslavsky, ca. 50 Texte verschiedener Autoren (Schriftsteller, Künstler, Musiker, Architekten, Journalisten, Fotografen)

Wie ein Logo steht der Titel schwarz auf dem roten Grund des Einbands, klar und rätselhaft zugleich. Das Rätsel löst sich beim Blättern: der Titel ist eine Abbreviatur der Inbesitznahme – Mein Moskau. Moja Moskva.  My Moscow. In diesem sorgfältig editierten und wunderschönen Fotobuch MOJAMO geht es darum, einen  persönlichen Zugang zu finden zur größten und bevölkerungsreichsten europäischen Metropole. Die zugleich auch die unbekannteste ist. Und Entdeckerfreude überreich belohnt.
Vor dreißig Jahren fotografierte der Stuttgarter Architekt und Stadtplaner Jörg Esefeld die Moskauer konstruktivistische Architektur. Dieses Moskau der Avantgarde ist im Stadtbild schwer zu finden, leicht zu übersehen und fällt mit einer ungewohnten Formsprache doch sofort ins Auge. Im Dialog dazu stehen die Fotos von Sascha Neroslavsky, der das Moskau zu Beginn des 21. Jahrhunderts fotografiert hat. Die Stadt ist im Wandel wie kaum eine andere Metropole. Jetzt können die Bilder der Achtziger und die Fotos aus der Moskauer Gegenwart zusammen gesehen werden – als Zukunftsprojektion. Das Moskau der Avantgarde ist durch die stadtplanerischen Absichten Stalins ins Abseits geraten. Die architektonische Zukunft wurde zurückgenommen.  Im Moskau der Gegenwart wird sichtbar, wie sich der Stadtraum dem visuellen Chaos öffnet, das zum Verschwinden des öffentlichen Raumes führt. Das Moskau der Gegenwart ist eine Stadt schriller Konsumversprechen und großformatiger Werbebanner. So groß, dass die Stadt dahinter verschwindet. Im wahrsten Sinne des Worts. Die gegenwärtige Abrisswut macht nicht vor den Sowjetikonen der 50-er bis 80-er Jahre halt,  vieles, was die Identität der Sowjethauptstadt ausmachte, gibt es nicht mehr, das  Hotel Rossija, das Kaufhaus der Offiziere, Hochhäuser aus den 50-er und 60-er Jahren.  Umso erstaunlicher ist es, dass ein Großteil der Moskauer Avantgarde-Häuser aus den 20-er Jahren unter Denkmalsschutz gestellt wurden. Darunter ein Faszinosum, der archaisch-moderne Wohnturm des Architekten Melnikow im Herzen der Stadt, kaum zu glauben, dass ein solches Haus je gebaut werden konnte. Es illustriert noch heute den Mythos der radikalen Kreativität der 20-er Jahre. Der zylindrische Bau mit Wabenfenstern ist eine eigene Zukunftsvision, die auch an die organische Kunst von Pawel Filonow oder an die Wortkunst von Velimir Chlebnikow erinnert.

MOJAMO ist in der edition esefeld & traub in der Reihe Stadtlesebücher erschienen. Das erste Stadtlesebuch ist New York gewidmet und heißt MYNY. Die Stuttgarter Verleger haben bei der Auswahl der Fotos für beide Bücher erstaunliche Parallelen in der Optik der Städte ausmachen können, Projektionen und Verwischungen, die eine Ähnlichkeit evozieren, die, wenn auch zeitversetzt, den Zukunftsanspruch dieser Städte ins Bild setzen.
In Moskau verändern sich gegenwärtig weniger die urbanen Strukturen, als die urbane Optik, und es ist den Fotos zu verdanken, dass das visuelle Chaos der Stadt ernst und schön daherkommt. Die Fotos verzichten auf alle Moskau-Klischee und man sieht doch immer gleich, wo man ist. Und man erkennt die eurasische, byzantinische Färbung der städtischen Optik.
Über fünfzig Autorenstimmen kommen in dem Buch zu Wort, die zum Teil die Fotos kommentieren, zum Teil eigene Geschichten der Inbesitznahme dieser Stadt erzählen. Und der Leser ist dankbar für die Freundlichkeit und Wärme, die er in den Texten findet.  Moskau ist  unbequem, unerbittlich, unverständlich, aber das Fotobuch eröffnet einen eigenen Zugang zu einer  sperrigen Stadt:  ganz privat, ganz direkt und berührend erzählen viele namhafte Autoren, was sie in Moskau begeistert hat.
Der Zusammenklang von Fotos und Texten, die sorgfältige Lektoratsarbeit, die die Texte in drei Sprachen aufbereitet hat,  die kühle Ästhetik der Fotos machen das Buch sehr liebenswert.

 

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