Auf der Datscha (Marina Rumjanzewa)

Eine kleine Kulturgeschichte und ein Lesebuch. Dörlemann-Verlag Zürich

Das häusliche Leben in Russland zerfällt klimabedingt in zwei Teile: Die langen Winter verbringt man in der Stadt, die kurzen Sommer idealerweise auf dem Land. Der Trend zum Zweitwohnsitz entstand in den Kreisen der Hocharistokratie, die die Sommer auf ihrem Landsitz und die Winter in den Hauptstädten verbrachten. Und die aristokratischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts schrieben darüber und schufen einen Mythos: was wären Puschkin ohne Michailowskoje, Tolstoj ohne Jasnaja Poljana? Auch Lyrik entsteht am besten auf der Datscha, überhaupt wird die Datscha zum Refugium des kreativen Menschen. Alexander Blok in Schachmatowo, Anna Achmatowa in Slepnewo, Boris Pasternak in Peredelkino, es gibt unendlich viele Beispiele dafür.
Von Marina Rumjanzewa, der in Zürich lebenden Moskauer Schriftstellerin, erfahren wir nun, was sonst noch alles auf der Datscha geschah. Sie wurde im engeren Wortsinn von Peter I. erfunden.  „Datscha“ war der Name für ein geschenktes Grundstück auf dem Weg zwischen Winterpalast und Peterhof, dem Sommersitz des Zaren, der seine Gefolgsleute im Sommer nicht auf deren weit entfernte Güter ziehen lassen wollte.  Das Wort „Datscha“ leitet sich ab von „geben“ – russ. „dat`“. Seit Peters Zeiten  hat sich die „Datscha“ in Russland in allen Provinzen verbreitet, sogar die Sibirier, die nun wirklich die Natur vor der Haustür haben, verbringen dort die Sommer. Das Datscha-Leben wurde demokratisiert und ist Teil der russischen Alltagskultur geworden. Marina Rumjanzewa erklärt uns in ihrer kleinen Kulturgeschichte, warum, und vor allem, wie sich das im Lauf der Jahrhunderte zugetragen hat.
Wir erfahren vom Datscha-Glück und Leid, von Logistik-Problemen, doppelter Haushaltsführung, Improvisation bei der Versorgung, von einer gewissen Leichtfertigkeit oder gar Unordnung im sozialen Gefüge, das bei der saisonalen Hin- und Herbewegung ein wenig ins Schaukeln geriet. Davon handeln auch die Geschichten im zweiten Teil des Bandes, dem Datscha-Lesebuch: von Stimmungen zarter Erregtheit und vergeblichen Wartens, von großen Träumen und schnellem Scheitern, von der Sehnsucht nach dem Außergewöhnlichen und dem Wissen, dass das Leben im Herbst genau so weiter  gehen wird, wie es vorher war.
Dennoch und jedes Jahr aufs Neue: Wenn die Maifeiertage in Russland vorüber sind, werden die Städter unruhig: wer jetzt keine Datscha hat, baut sich keine mehr. Der muss seine Freunde besuchen, will er am Datscha-Leben teilhaben. „Datscha“ bedeutet auch zwanglose Geselligkeit und spontane Besuche, gemeinsames Essen, Plaudern und Tagträumen. Saubere Luft, Essen direkt vom Erzeuger, Wiesen und Wälder vor der Haustür locken auch heute noch den Stadtmenschen in die Natur. Wer kann, nutzt die Zweitwohnung als Arbeitsort während des Sommers. Wenn es auch nicht in allen Datscha-Gegenden Wasserleitungen oder einen Laden gibt – Sendemasten der Mobilfunkbetreiber stehen inzwischen überall.
Auch in der Sowjetära war eine Datscha Lohn für Loyalität. Marina Rumjanzewa führt haarsträubende, zum Teil tragische Details aus dem Alltag der Sowjet-Eliten an, lässt aber durch ihre heiter-ironische Erzählweise keine wirkliche Erschütterung aufkommen. Da gerät das Anliegen der Autorin, das Datscha-Leben als unbeschwertes Dasein in einer glücklichen Parallelwelt zu schildern, allerdings in Konflikt mit dem Stoff.  
Vermutlich würde die differenziertere Schilderung dieser Epoche den Rahmen einer „kleinen Kulturgeschichte“ sprengen. Was das Buch leistet, ist auch so mehr, als man erwarten kann. Das angefügte Lesebuch versammelt Datscha-Erzählungen russischer Autoren, die den Leser zu kleinen Entdeckungsreisen einladen. Dass dabei Puschkin, Dostojewski und Tschechow nicht fehlen dürfen, versteht sich, aber es ist ein besonderes Verdienst des Dörlemann-Verlags, Autoren Raum zu geben, die in Deutschland kaum bekannt sind. Leonid Andrejew, Arkadi Awertschenko, Nadeschda Teffi oder auch Michail Sostschenko sind mit bezaubernden Erzählungen vertreten und wurden von Dorothea Trottenberg neu für den Dörlemann-Verlag übersetzt. Auch von Tatjana Tolstaja und Michail Schischkin würde man gern mehr lesen.
Die kleine Kulturgeschichte des russischen Sommerlebens ist eine charmante Idee. Ein Geschenk an alle, die dem Sommer mit einem besonderen Lebensgefühl begegnen.

zum Seitenanfang
zum Seitenanfang