Peter Nalitch zu Gast auf dem Lörracher "Stimmen"-Festival

Am 31. Juli 2010 im Rosenfelspark in Lörrach gab Peter Nalitch eines seiner seltenen Auslandskonzerte. Das Badische Kulturforum Russland e.V. hatte Gelegenheit, mit ihm zu sprechen.

Der Musiker mit der dramatischen  Stimme und dem herzzerreißenden Augenaufschlag strahlt vor allem eins aus: Freundlichkeit.
In seiner Strickjacke demonstriert er seinen Willen zur Gemütlichkeit. Seine Offenheit hat ihn in Russland zum Superstar gemacht. Und seine Musik natürlich, die kommt einher mit großer Geste. Und mit Augenzwinkern. So fröhlich, gut gelaunt, leicht und verspielt haben wir selten eine Band aus Russland gehört. Über sein eigenes Pathos zu lachen und durch musikalische Welten zu preschen scheint Programm bei Peter Nalitch.

Peter Andreevitch, Sie sehen so gemütlich aus, als würden Sie sich auf einer Datscha wohler fühlen als auf den Bahamas. Und Sie haben ja auch so einen herzzerreißenden Datscha-Song gemacht. Sind sie gern auf der Datscha?

Peter Nalitch (lacht):  Ja, eine Datscha hat fast jeder Stadtbewohner in Russland, man braucht schließlich einen Ort, an dem man sich erholen kann. Ich bin dort gern mit meinen Freunden.

Und der Jaguar, gehört der auch zu Ihrem Leben?
Peter Nalitch: Naja, nicht unbedingt. In Moskau ist der Verkehr so schon ziemlich nervig.

Lesen Sie gern? Haben Sie einen aktuellen Lieblingsautor?
Nein, ich würde gern viel lesen, aber ich komme nicht dazu. Mein Bruder liest ununterbrochen und gibt mir manchmal Tipps.

Die russischen Gitarrenbarden, Wyssozki, Okudshava haben ja in den Achtzigern sehr stark das russische Lebensgefühl geprägt. Sehen Sie sich in dieser Tradition?
Peter Nalitch (nickt): Ich verehre Wladimir Wyssozki, er hat auch einen gewissen Einfluss auf mich gehabt. Es gibt aber einen großen Unterschied – bei diesen Sängern stand immer der Text im Vordergrund der künstlerischen Aussage, bei mir gehen Musik und Text eine Einheit ein. Ich würde sogar sagen, die Musik hat Priorität.

Sie sind sicher einer der wenigen, der aus der russischen Barden-Tradition kommt und kein Lied über den Krieg gemacht hat. Wenn man von Parodien wie „Wir kommen aus dem Restaurant“ absieht. Ist das große russische Thema „Krieg“ für Sie nicht mehr aktuell?

Peter Nalitch (lacht): Das ist richtig, Geschichte, Ideologie, Politik stehen für uns nicht im Vordergrund. Ich finde es wichtig, freundliche und hintersinnige Lieder zu machen, ohne jegliches Aggressionspotential. Die Leute sollen sich erholen und gute Laune bekommen, wenn sie unsere Musik hören.

Ist das eine Frage der Persönlichkeit oder eine der Generation? Sie sind ja 1981 geboren und in einer Zeit aufgewachsen, in der es in Russland einen neuen Wertepluralismus gab.

Peter Nalitch: Eher eine Frage der Persönlichkeit. Glaube ich. Zu meiner Generation kann ich nicht so viel sagen.

Sind Sie dank Internet berühmt geworden?

Peter Nalitch: Die Geschichte mit dem Internet zielt auf so einen Wunderkerzen-Effekt hin. Tatsächlich kam die Bekanntheit ganz allmählich. Wir hatten in Moskau schon sehr viele Auftritte auf Hauskonzerten und im Freundeskreis, bevor wir im Internet bekannt wurden. Und mit einigen Musikern arbeite ich schon sehr lange zusammen, seit der Kindheit, könnte man sagen. Ein Song, der dank dem Internet solchen Erfolg hat, wie „Gitar“ macht die Berühmtheit nicht allein.

Wie entstehen Ihre Lieder?
Peter Nalitch: Zuerst ist da so eine Art Klangbild, das aus Wortmelodie und Textmelodie gleichzeitig besteht. Musik und Worte sind von Anfang an verbunden. Daraus entwickelt sich dann eine Geschichte. 

Gibt es Situationen, in denen Sie besonders kreativ sind?
Peter Nalitch: Meine Lieder entstehen eigentlich fast immer im Alltag. Wenn nichts Außergewöhnliches anliegt, fällt mir am ehesten etwas ein. Das tägliche Geschehen, die Proben, die Familie, die Kinder, die vertraute Umgebung sind für mich wichtiger als das Unterwegs-Sein.  

Eine Frage aus weiblicher Neugier: wie heißt ihr Töchterchen?

Peter Nalitch: Warwara, es ist jetzt 1 Jahr und drei Monate alt, unser Sohn, Sascha, inzwischen schon sieben.

Gehört die Familie für Sie zum Wohlfühlen dazu?

Ja, ich bin auf alle Fälle ein Familienmensch. Ich bin sehr gern mit allen zusammen, besonders mit meiner Frau und den Kindern. Sobald wir von der Tournee zurück sind, fliege ich zu ihnen an ihren Ferienort.

Auf die Bahamas?

Peter Nalitch (lacht): Nein, ans Rigaer Meer im Baltikum.

Noch eine Frage aus weiblichen Neugier: Sie haben sich über den Sieg von Lena Meier-Landrut in Oslo sehr gefreut. Haben Sie noch Kontakt zu ihr?

Nein, leider nicht. Es war im Umfeld des Contests nicht genug Zeit, sich näher kennenzulernen.

Leben Sie gern in Moskau?

Ja, ich bin in Moskau aufgewachsen und lebe gern in dieser Stadt. Mir gefällt nicht alles, was jetzt geschieht, besonders, wie sich das Stadtbild verändert, wie die Werbung überall eindringt, wie das verschwindet, was die Identität der Stadt ausmacht. Aber dagegen kann ich nichts machen. Ich mache das, was ich kann, Musik. Und gute Stimmung.

Sie haben Architektur studiert?

Peter Nalitch: Ja, deshalb fallen mir die Bausünden auch besonders ins Auge. 

Sind Sie viel im Ausland auf Tournee?

Peter Nalitch: Ich habe in Russland ein großes Publikum und wir sind dort häufig unterwegs. Eigentlich schätze ich das Reisen gar nicht so sehr.

Also ist es für uns ein besonderes Glück, Sie heute hier zu sehen.

Peter Nalitch: Das kann man so sagen. Für mich auch. Ich war einmal kurz auf der Durchreise in Berlin. Berlin würde ich mir gern einmal länger anschauen.

Wo liegen die Wurzeln Ihrer Musik?

Peter Nalitch: Wir machen alles, was gut klingt.

Spielen Ihre Balkan-Wurzeln dabei eine Rolle?

Peter Nalitch: Ich habe auch ukrainische und russische Wurzeln. Balkan, russische Romanzen, Kosakenfolklore, Zigeunermusik, Odessa. Das sind alles Klänge, die sich gegenseitig durchdringen. Daraus wachsen unsere Lieder. 


Ironie ist das Wichtigste an seinem Auftritt, und gern scherzt er über seine Art, Texte zu machen: gut, dass wir nicht immer verstehen, was wir singen. Und dann wird zur fröhlichsten Musik das denkbar schlimmste Geschehen ausgebreitet, Katastrophenmanagement für untergehende Herzen. Nein, selbstmordgefährdet sei er nicht, sagt er, da verstünden ihn viele falsch. Tragik sei nicht sein Ding, er hätte Spaß am Leben.
Dazu verzieht er asymmetrisch die Augenbrauen. Und dann diese Stimme.  Mit einer solchen  Stimme kann man gar nicht am Ernst des Lebens vorbei singen. Sie berührt nämlich wirklich.
Peter Andreevitch, danke, dass ich die Möglichkeit hatte, mit Ihnen zu sprechen. Alle guten Wünsche und viel Erfolg bei Ihren Plänen.

Das Interwiev führte Steffi Lunau


zum Seitenanfang
zum Seitenanfang