Oxana Knitelshot macht Loerrach.ru

Es ist schon etwas Besonderes, dass eine Stadt wie Lörrach eine russischsprachige Regionalzeitung im Internet hat. Die Initiatorin und Redakteurin dieser Zeitung ist Oxana Knitelshot, eine junge Frau aus Saratow, die seit drei Jahren in Lörrach lebt. Wir möchten wissen, was sie auf die Idee gebracht hat.

Oxana Knitelshot: Ich habe in Russland als Pressesprecherin einer großen städtischen Behörde gearbeitet. Der Kontakt zu Menschen, das Gefühl, am Zeitgeschehen teilzuhaben, ist für mich sehr wichtig. Daher die Idee, eine Seite für die russischsprachige Bevölkerung in Lörrach und Umgebung zu gestalten. Mir fiel auch gleich auf, dass hier wie überall in Südwestdeutschland sehr viele Menschen leben, die Russisch zur täglichen Kommunikation benutzen. Wie viele ganz genau, lässt sich schlecht sagen. Es mögen circa 6000 Menschen in Lörrach und Umgebung sein, die ihre Verbundenheit mit der russischen Sprache vereint. Ob das die Spätaussiedler aus Mittelasien und Kasachstan sind oder Ukrainer mit jüdischen Wurzeln, oder Russen, die aus beruflichen Gründen hier sind, wie mein Mann.

Und an diese Menschen richtet sich Ihre Zeitung?
Nicht nur. Lörrach.ru ist für alle, die im Südwesten Deutschlands leben und Informationen aus der Region auf Russisch erhalten wollen. Wir stellen lokale Informationen bereit, berichten über russische Kultur und das russische Wirtschaftsleben in der Region, stellen Anbieter von Dienstleistungen in russischer Sprache vor und versuchen, zeitnah, spannend und lebendig zu berichten. Und mit eigenen Fotos.

Wie schaffen Sie das alles allein?
Ich bin neugierig, kommunikativ, habe viele Interessen und viel Energie. Und ich brauche unbedingt den Kontakt zu Menschen. Kurz, ich tue es, weil es mir Spaß macht.

Loerrach.ru ist also auch eine Integrationsgeschichte – eine Zeitung, die ein lebendiges und positives Bild der Stadt und ihrer Menschen vermittelt. Oder ist es das Medium einer Parallelgesellschaft?

Parallelgesellschaft – keineswegs. Loerrach.ru berichtet von Menschen mit russischer Muttersprache, die sich und ihre Interessen einbringen, um das Leben in der Stadt vielfältig mitzugestalten. Wir von Loerrach.ru sind konsequent dafür, sich dem Gastland zu öffnen, es zu seiner Heimat zu machen, zu dem Ort, an dem man sein Leben verbringt und mit dem man sich identifizieren kann und möchte. Unsere Zeitung spiegelt nicht nur das russischsprachige Lörrach, sondern das Leben der ganzen Stadt in vielen Facetten. Damit sich alle Bürger davon überzeugen können, würden wir unsere Zeitung gern zweisprachig herausgeben. Aber dafür fehlen uns im Moment  noch die finanziellen Mittel.

Ist es wichtig, in einer fremden Sprachumgebung Kontakt zu seiner Muttersprache zu behalten?
Das ist sehr wichtig. Sprache hat sehr viel mit Emotionen, mit Identität zu tun. Auch wenn man viele Sprachen beherrscht, wird die Muttersprache immer besondere Gefühle wecken. Über Krankheiten, Befindlichkeiten, Lebenskrisen wird in der Muttersprache immer ganz anders gesprochen, als in der Fremdsprache. Deshalb ist es in solchen Extremsituationen wichtig, dass Spezialisten hinzugezogen werden, die diese Sprache sprechen oder den kulturellen Code verstehen, seien Ärzte, Psychologen oder Sozialarbeiter.

Was bedeutet die Sprache der Eltern für die in Deutschland aufwachsenden Kinder?
Für viele in Deutschland lebende Ausländer ist es wichtig, den Kindern ihre Sprache zu erhalten. Loerrach.ru berichtet regelmäßig über spezielle Angebote zur Freizeitgestaltung russischsprachiger Kinder.

Eine Frage aus reiner Neugier - wie sind Sie nach Lörrach gekommen?
Eigentlich hat mich die Liebe nach Lörrach geführt. Die Beziehung zu meinem Mann. Er arbeitet seit neun Jahren als Programmierer in Lörrach. Wir haben uns bei einer Familienfeier in Russland kennen- und lieben gelernt. Seit 2007 lebe ich mit ihm zusammen in Lörrach.

Und gab es Momente, in denen Sie die Entscheidung bereut haben?
Auf keinen Fall. Die Liebe ist immer noch die große Liebe. Und die Stadt gefällt mir sehr gut, auch wenn sie, gemessen an russischen Verhältnissen, eher klein und beschaulich ist. Sie hat alles, was man zum Leben braucht, und darüber hinaus vieles, was ich jetzt nicht mehr missen möchte: das reiche Sport- und Freizeitangebot, die Lage im Dreiländereck in enger Nachbarschaft zu Frankreich und der Schweiz, gewissermaßen im Herzen Europas. Der Schwarzwald ist märchenhaft schön. Ich stelle mir immer vor, dass die Gebrüder Grimm hier ihre Märchen gesammelt haben könnten. Und die Menschen sind sehr aufgeschlossen und freundlich.

Werden Sie von der Stadt Lörrach finanziell unterstützt?
Wir sind eigenständig und unabhängig, aber die Stadt Lörrach steht hinter unserer Initiative. Wir dürfen die Lerche, das Logo der Stadt auf unserer Seite verwenden. Außerdem verweist die Stadt auf ihrer Webseite auf unsere Seite. Finanzielle Zuwendung erhalten wir aber nicht.

Welche Wünsche haben Sie für die Zukunft?
Noch bekannter werden, und schön wäre es, sie zweisprachig zu machen, aber dafür müssen wir erst Mittel finden. Aber das wäre wirklich ein qualitativer Sprung.

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