Der Preis der Begeisterung (Karl Schlögel)

Terror und Traum. Moskau 1937. Carl Hanser Verlag München 2008.

„Es mag sein, dass es eine grausame und ungerechte Zeit war, aber diese Begeisterung…“ Der das mit dem Nachklang einer gewissen Nostalgie sagte, war mein hochgeschätzter Professor für Literaturwissenschaft an der Staatlichen Universiät Iwanowo, P.V. Kuprianowski, Jahrgang 1919, Sohn eines entkulakisierten Bauern aus der Region Wologda, als ich Ende der 80-er Jahre, erschüttert von dem Wissen, das die Perestrojka brachte, mit ihm über Ereignisse des Jahres 1937 sprechen wollte. Seither war ich skeptisch, was das Wesen der Begeisterung anging.

Denn diese Begeisterung, dieser Höhenflug, der Machbarkeitswahn, die Illusion der sofortigen und vollständigen Umgestaltung alles Vorhandenen um jeden Preis, der Aufbruch in eine völlig neue Dimension des menschlichen Daseins, der menschlichen Selbstvervollkommnung und Optimierung, schwindelerregende Karrieren, beispielloses Gefühl von Stärke – die sich den Überlebenden dieser Zeit als Glücksempfinden eingeprägt hat,- war die Kehrseite der Angst. Die andere Seite: Innerhalb eines Jahres, des Jahres 1937, fand in der Sowjetunion eine beispiellose Massenvernichtung statt, es wurden zwei Millionen Menschen verhaftet, mindestens 700000 ermordet, fast 1.3 Millionen in Lager und Arbeitskolonien verschickt. Wer den Wunsch hat, das Irrationale, den „Exzess im Exzess“ und den traurigen Zusammenhang zur Begeisterung zu verstehen, der lese das hervorragend recherchierte und glänzend komponierte Buch „Terror und Traum“ von Karl Schlögel.

Es gibt keinen Bereich der Lebenswelt des Jahres 1937, der nicht vom Autor abgebildet würde, und so erleben wir ein Jahr in einer Stadt – der Sowjetmetropole Moskau - in ihren wichtigsten Momenten. Dabei werden die Extreme zusammengedacht, die Terror und Traum bedeuten. Karl Schlögel gelingt es, das Unfassbare zu erklären, indem er seinen Fokus auf das Jahr 1937 in Moskau ausrichtet. Und welcher Gedankenflug: Beginnend mit Bulgakows Roman „Der Meister und Margarita“ gelangen wir zum Generalplan für den Bau des „Neuen Moskau“, der den Palast der Sowjets zum Zentrum haben sollte und wir verstehen schon, wie unsäglich weit das Gewollte und das Machbare voneinander entfernt waren. Schon ahnen wir die Opfer, die der Traum kosten wird, da sind wir noch bei der Kommunistischen Internationale und dem Bürgerkrieg in Spanien, der die Bedrohung verdeutlicht, in der sich die junge Sowjetmacht wähnte. Das ist die Ouvertüre. Dann folgen die Schrecken Schlag auf Schlag. Sei es das Ergebnis der unionsweiten Volkszählung im Januar 1937 oder der Ausgang des zweiten Moskauer Schauprozesses, sei es das groß gefeierte Puschkin-Jubiläum, das mit dem Einpassen des Puschkin-Erbes in die Sowjetepoche endet, Verwirrung und Angst bleiben zurück. Kaum ist das Puschkin-Jubiläum vorbei, werden die Emotionen in Anspruch genommen von Schock und Ratlosigkeit, die der als Herzinfarkt deklarierte Selbstmord Ordzhonikidzes, dem führenden Kopf der sowjetischen Schwerindustrie, auslöst. Aber erst mit dem Märzplenum wird der Mechanismus der Massenvernichtung in Gang gesetzt.  Karl Schlögels Analyse des Plenums ist besonders aufschlussreich: Photos von der Versammlung gibt es nicht, und gäbe es sie, hätten sie dem Betrachter eine Versammlung von Todeskandidaten präsentiert. Es endet mit dem Beschluss der Stalin-Getreuen, sich auch um den Preis eines Blutbades an der Macht zu behaupten.

Und dieses Blutbad beginnt, quer durch alle sozialen Schichten, durch das ganze Land. Hundertausende werden im Schnellverfahren verurteilt und erschossen. „Die wenigsten, die verfolgt und umgebracht wurden, wussten, warum sie ausersehen waren. Die  Vorwürfe und Beschuldigungen waren unglaublich und phantastisch, und noch phantastischer war, dass die Beschuldigten sie wiederholten, sie in Geständnissen wiedergaben…. Aber wenig später wurden aus den Vollstreckern der Urteile selbst Angeklagte und aus Tätern Opfer.“ Und daneben läuft die sowjetische Event-Maschine weiter - egal, welcher Teil der sowjetischen Utopie beleuchtet wird, seien es neue Technologien wie der Rundfunk, Errungenschaften in der Architektur oder Geologie, sportliche Rekorde oder die tollkühnen Abenteuer der zum Mythos gewordenen Aviatoren – jede Leistung endet mit der physischen Vernichtung der Akteure. Und der Autor verdeutlicht in jedem Kapitel mehr: die Utopie war reines Notstandsdenken, Hilflosigkeit und Chaos-Bewältigung. Die Macht-Manifestation erfolgte durch Zerstörung und anschließender Auf-Füllung des leeren Raumes mit Ideologie und Angst.

Beim Lesen des Buches ist mir zum ersten Mal deutlich geworden, in welch unmenschlichem Tempo das alles ablief. Das Jahr 1937 war eine unsägliche Fülle von gesellschaftlichen Großereignissen, die vorbereitet, organisiert und kommentiert werden mussten, zu denen Position bezogen werden musste. Es gab kaum eine Verschnaufpause von einem Aufwallen der Emotionen zum anderen, von einem Exzess zum nächsten, keinen Moment Ruhe für die erschöpften Gemüter, kein Zu-sich-kommen, keine Reflektion. Es muss eine Zeit fieberhafter Überbereitschaft zum Handeln gewesen sein, eine Hyperaktivität, die früher oder später in die totale Erschöpfung, die totale Apathie münden musste. Aber dazwischen lag noch der Zweite Weltkrieg.

Ich habe das Buch mit größtem intellektuellem Vergnügen gelesen. Es war nicht nur das sorgfältig erarbeitete Detailwissen, die Ausgewogenheit der Darstellung und die großartige Idee der Komposition, sondern auch die genaue, erfrischende Sprache, deren Bildhaftigkeit nie unsachlich und deren Präzession nie langweilig wird. In Anbetracht der Sprache der Epoche, mit der es der Autor zu tun hatte, und die mit ihren Sprachhämmern alles niederschlug, ist das eine besonders erfreuliche Leistung.
Der Prozess einer kollektiven Aufarbeitung der Sowjet-Zivilisation ist in Russland längst wieder zum Erliegen gekommen. Zum einen, weil sich die Überlebenden immer noch nicht aus ihren Träumen reißen können, zum anderen, weil die Menschen in Machtpositionen gern den Anschein der Allmacht aufrecht erhalten wollen. Das Buch ist illusionslos, mehr noch, es ist ein Buch gegen Illusionen. Man wünscht ihm vor allem auch eine schnelle Übersetzung ins Russische und eine breite Aufnahme im weiten russischsprachigen Raum.


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