Die zahllosen Stimmen der Furcht
(Orlando Figes)

Die Flüsterer. Leben in Stalins Russland. Berlin Verlag 2008

Ein unendlich trauriges Buch, und trotzdem soll es gelesen werden. Weil es erklärt, wie eine Diktatur funktioniert. Und was sie bewirkt. Und zwar nicht nur auf der Ebene des politischen Machtkampfes oder der Demagogie, sondern auf einer Ebene, die jeden berührt und für jeden verständlich und einleuchtend ist: auf der des privaten Lebens. Was hat der Stalinismus in den Familien bewirkt? Was empfanden die, die nicht unmittelbar in die Mühlen des Systems gerissen wurden, in die Gefängnisse und Lager, sondern alle anderen, die im Sowjetalltag zurückblieben? Die Kinder, die Frauen, die Familienangehörige der sogenannten Volksfeinde? Diskriminierung und Ausschluss aus der Gemeinschaft, Verlust von Arbeit, Wohnung und Lebensunterhalt, weiterleben in extremer Armut und unter allgemeiner Ächtung? Oder versuchen, abzuschwören von der verfemten Familie, zu glauben, was so unglaubhaft war, die Zweifel abzutöten und weiter zu existieren? Unter Umständen sogar Karriere zu machen? Welche Katastrophen des Bewusstseins, welche Pervertierung der menschlichen Bindungen.

Das sind die Themen und Variationen, um die es in den neun Kapiteln des Buchs geht. Sie folgen chronologisch den historischen Abschnitten der sowjetischen Geschichte. Während das erste Kapitel besonders die politische Elite der Altbolschewiki und ihr problematisches Verhältnis zur Familie in der Zeit unmittelbar nach der Oktoberrevolution schildert, zeigt das zweite Kapitel den Umbruch in der zahlenmässigstärksten sozialen Gruppe  – unter der Landbevölkerung. Die Angst und Einschüchterung, die durch die grausamen Maßnahmen der Zwangskollektivierung und Entkulakisierung unter den Bauern verbreitet wurde, ist zur breiten sozialen Grundlage der Sowjetzivilisation geworden, auf deren Erfahrung von Willkür und Grausamkeit der Mechanismus der Einschüchterung einsetzte. Wir machen die Bekanntschaft von entkulakisierten Bauern, die, jahrelang auf der Flucht, unter unendlichen Strapazen das Land durchquerend, ihre verstreuten Familienmitglieder aufspüren. Wir lernen, die Rolle der Schule und des Bildungswesens insgesamt zu verstehen. Wir sehen schwindelerregende Karrieren einerseits und gnadenlose Auslese nach dem Prinzip der sozialen Zugehörigkeit.

Der Bildungs- und Familienhintergrund der neuen Führungselite lässt uns die gewaltigen Verzerrungen der Folgezeit verstehen. „Die aufstrebende Elite der frühen dreißiger Jahre war im Allgemeinen konformistisch und gehorsam gegenüber der Führung, die sie geschaffen hatte. Mit durchschnittlich nur sieben Ausbildungsjahren besaßen wenige der neuen Funktionäre die Fähigkeit zu unabhängigem politischem Denken. Ihre Ideen bezogen sie aus den Pressestatements der Parteiführer, und sie plapperten deren Propagandaparolen und politischen Jargon nach. … Sie identifizierten sich völlig mit dem stalinistischen Regime, brachten ihre persönlichen Werte in Übereinstimmung mit dessen Interessen und waren erpicht darauf, ihre Karriere durch Ausführung der von oben kommenden Anweisungen voranzubringen.“ So entstand die riesige „Verwaltungspyramide“ aus fünf oder sechs Millionen Bürokraten, von der Stalins Macht abhing. Ihr Hauptziel war die Erhaltung des Sowjetsystems, dem sie ihren materiellen Wohlstand und ihre gesellschaftliche Position verdankten. Ein Erbe, an dem die russische Gesellschaft heute noch krankt.

 

Das zeigt auch die Lebensgeschichte des Schriftstellers Konstantin Simonow und seiner Familienangehörigen. Er war Stalins Hofautor, Kriegsberichtserstatter während des Zweiten Weltkrieges, aber auch Lyriker, dessen zutiefst persönliche Gedichte Millionen von Soldaten nutzten, um ihr eigenes Erleben zum Ausdruck zu bringen. Er selbst war selbst ein glühender Stalinist. Dank seines Anpassungsvermögens und immensen Ehrgeizes war es ihm gelungen, trotz aristokratischer Abstammung in den inneren Kreis der Macht vorzudringen. Figes zeigt die tragische Komponente dieses Lebens in Ruhm und Reichtum, auch in seinem komplizierten Verhältnis zu Valentina Serowa, einer überaus populären sowjetischen Schauspielerin. Die beiden galten als das Traumpaar des sowjetischen Kulturbetriebs, und Figes gewährt uns tiefe Einblicke in die Abgründe dieses Traumes. Die Entwirrung dieser Geschichte ist zweifelsohne ein ganz besonderes Verdienst des Autors. Genauso wichtig ist die Aufarbeitung der zahllosen Schicksale von Menschen, die nicht durch Berühmtheit interessant waren.  Es sind Hunderte Einzelschicksale, auf die das Register verweist. Wer die sowjetischen Verhältnisse mit ihren Verdrängungsmechanismen nicht kennt, wird sich kaum vorstellen können, wie schwierig es gewesen sein muss, die Zeugen zum Sprechen zu bringen. Die Fülle des Materials überwältigt und beeindruckt, es mag als Ausdruck des Gerechtigkeitssinns des Autors gesehen werden, möglichst vielen Betroffenen eine Stimme, ein Schicksal zu geben.  Das über tausendseitige Werk imponiert durch seine Materialfülle wie durch seine glänzende Komposition und eine sprachliche Leichtigkeit, die über die Fassungslosigkeit, die das Material hinterlässt, hinweghilft. Diese Alltagsgeschichte der Stalin-Ära verdient großen Respekt und viele Leser.

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