Der Stoff, aus dem die Zukunft war. Streifzüge durch eine ehemalige Textilmetropole.


Wenn die Sonne scheint, ist die Stadt am Leben. Der Engels-Prospekt, an dessen vorderem Teil sich die Institute reihen, sieht fast italienisch aus. Junge Menschen bevölkern die umliegenden Plätze, hübsche Studentinnen gönnen sich einen Latte Macchiato mit Blick aufs Revolutionsdenkmal. Pizza gibt es auch, bis zur Unkenntlichkeit russifiziert. Aber: Handtäschchen werden dekorativ geschwungen, hohe Absätze balancieren geschickt um die Löcher des Strassenbelags. Wir sind in Iwanowo, einer Grossstadt in Russland. Sie hat knapp eine halbe Million Einwohner. Acht höhere Bildungseinrichtungen, tausende Studenten. Am Engels-Prospekt sieht es nach Zukunft aus. Aber viele der angehenden Lehrerinnen und Ärztinnen werden später Crash-Kurse als Frisösen und Kellnerinnen belegen, weil sie in ihrem akademischen Beruf kein Geld verdienen können. Vorerst aber studieren sie, und hoffen auf einen gutsituierten Ehemann.

Die sind rar in der Textilstadt, wo in der Blütezeit der Stoffproduktion auf dreizehn Arbeiterinnen ein Arbeiter kam. In der Breschnew-Ära wurden andere Branchen angesiedelt, Maschinen- und Werkzeugbau. Jetzt gab es zwar mehr Männer, aber viele von ihnen waren wurzellos und sozial verwahrlost. Der alte Fluch: aus den einstigen Bauern sind Alkoholiker und Lumpenproletarier geworden. Heute, da kaum eine der Fabriken noch produziert, ist es noch schlimmer: Jeder dritte männliche Einwohner wurde schon für einen Kriminaldelikt bestraft. „Steh auf, es ist schon elf“, hieß das Denkmal auf dem Platz der Revolution im Volksmund, als der Wodka ab 11 Uhr in den Läden verkauft wurde. „Bleib liegen, es ist noch nicht zwei“ hieß es später in der Andropow-Zeit, als der Wodka-Verkauf erst um vierzehn Uhr begann.

Einst nannte man die Stadt das russische Manchester. Gewachsen aus patriarchalischen ländlichen Familienbetrieben, deren Inhaber sich für teures Geld aus der Leibeigenschaft freigekauft hatten, wie der Großvater von Dimitri Burylin. Der Enkel des Dynastiegründers war nicht nur Textilfabrikant, sondern vor allem ambitionierter Sammler, Volksaufklärer und Mäzen. Er sammelte, was ihm in die Hände geriet, Münzen, alte Handschriften, Porzellan, Waffen, Freimaurerabzeichen, Druckschindeln, Samuraiausrüstungen, Mumien und Gemälde. In seinen Sammlungen traf die Welt der barocken Wunderkammer auf russisch-kaufmännische Farbenfreude und Unbekümmertheit. Die Raritätensammlung des Exzentrikers und Self-made-Kunstexperten wurde nach der Revolution in alle Winde verstreut. Immerhin füllen die Restbestände noch drei große Häuser:   das Heimatmuseum, das Textilmuseum und das Kunstmuseum.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es knapp fünfzig Textilfabriken. Sechzehn Kirchen und 140 Einrichtungen für den Ausschank von hochprozentigen Getränken. Die fortgeschrittene Industrialisierung führte frühzeitig zu sozialen Spannungen. Die erste russische Revolution begann hier im Mai 1905 mit Streiks. Mit Angst, Lähmung und Handlungsunfähigkeit. Die Stadt lag wochenlang in Agonie. Um zu entscheiden, wie es weitergehen soll, wurde ein Rat der Arbeitervertreter gegründet. Jede Fabrik entsandte die vertrauenswürdigsten Arbeiter in dieses Organ. Seither galt Iwanowo als Wiege der Revolution. Ein Mythos war geschaffen, der die Stadt in fataler Weise prägte. Die Ausrichtung auf einen einzigen Industriezweig, die Textilindustrie, war immer problematisch, nach dem Untergang der Sowjetunion jedoch tödlich. Die Baumwolle aus Usbekistan blieb aus, die Fabriken standen, aus den legendären Weberinnen wurden Schiffchen, die Waren aus China herbeischafften. Heute wirken die Fabriken wie ausgestorbene Orte einer vergangenen Zivilisation, rostige Dampfer, gestrandet am Ufer des Flusses.

Einst sollte das neue Leben in alle Bereiche des Alltags eindringen. Neue Formen des Wohnungsbaus mit Gemeinschaftsküchen und Essensälen sollten Zusammengehörigkeit ausbilden, Großküchen die berufstätigen Frauen von der Last des Haushalts befreien. Das nachrevolutionäre Iwanowo war ein Ort für soziale Experimente. Proletkult in der Literatur, Konstruktivismus in der Architektur: eine Vielzahl legendärer Bauten entstand: das Schiff, das Hufeisen, das Einhundertsechs-Wohnungen Haus und das Hammer-Haus, das sich entlang der Apothekengasse zieht und einen Hammerstiehl darstellt, während die Sichel nicht mehr gebaut werden konnte, weil der Krieg ausbrach. Der Versuch, das menschliche Leben von Grund auf neu zu gestalten, schlug sich auch in den Stoffmustern nieder – die Erbauer der Zukunft steckten in Wäsche mit Zahnrädern und Flugzeugen, und in Kleidern, auf denen Rosen und persische Gürkchen von Werkzeug und Getreide ersetzt waren.

Ist das Wetter gut, glänzen selbst die ungeschickten Denkmale der Revolution in mildem Licht. Auch das Denkmal für die gefallenen Frauen, das wirklich so heißt. Und der Bahnhofsplatz, auf dem wir so oft angekommen sind, weckt keine Klaustrophobie. Im Licht der Abendsonne verspricht er Weite und Unterwegssein, nicht Eingesperrtheit und Angst. Im Inneren des Bahnhofsgebäudes hat sich nichts verändert, nicht einmal der Fahrplan. Mich bewegt die Frage – war das wirklich ich, die da vor dreißig Jahren angekommen ist, mit zwei riesigen Koffern und dem ungleich schwereren Gepäck romantischer Erwartungen? Ich suche nach meinen Stimmungen von einst, kann sie nicht dingfest machen, atme erleichtert auf. Nein, mein Leben wurde in ein anderes Ufer gelenkt, und über das gefährliche Schlingern kann ich heute entspannt lächeln. Weil ich Glück gehabt habe?

Die Sonne scheint, und schon ist die Pfütze vor dem alten Bahnhof ein charmanter Spiegel für die Spitzenborten der adretten Holzarchitektur. Die Herren auf dem Maljutin-Mosaik links und rechts des Bahnhofsgebäudes wirken nicht wie Kriminelle, sondern wie Märchengestalten, schlimmstenfalls. In den Türmchen und Türmen der neuen Bauwerke spiegeln sich Sonnenflecken, die Fahrzeuge tragen Glanz auf die Straßen und alles sieht aus, als würden sich die Menschen zu einem abenteuerlich geschmückten Volksfest rüsten. Die Stadt hat doch Charme – selbst der leere Leninplatz, dessen Häuser aufgestockt werden mussten, weil das Denkmal zu groß war. Ja, um ein Lenindenkmal ins rechte Licht zu rücken, durfte keine Mühe gescheut werden. Wie weitläufig der Platz sich gegen die Leere behauptet.

Gleich neben dem Engels-Prospekt beginnt die Altstadt. Verwitterte Holzhäuser erzählen vom Mühsal und Glück der Vor-Industrialisierung. Heute ziehen viele Menschen lieber wieder in die frei stehenden Blockhäuser mit ihrer ländlichen Gemütlichkeit und den kalkulierbaren Nebenkosten, als in die komfortablen, aber teuren Wohnblocks, die größtenteils Spekulationsobjekte sind.  Aber so schön die kleinen Häuser auch sein mögen, ihr Alter nähert sich unweigerlich dem Verfallsdatum. Noch leuchten die Fensterrahmen in der Abendsonne und erzählen von Kunstfertigkeit und Schönheitssinn ihrer Bewohner. Die neuen Stadtviertel sind eine andere Welt, hier lebt der Mittelstand. Ein leichter Abendwind trägt den Glückshauch von Nostalgie herbei, nur die Spur einer Erinnerung an die unsäglichen Gerüche, an die unsäglichen Gefühle der Sowjetzivilisation, die sich jetzt beinahe verflüchtigt haben.

Aber wehe, das Wetter ist schlecht. Dann verwandelt sich die Stadt in einen Un-Ort. Verbitterte Frauen verkaufen die karge Ernte ihrer Gärten. Verlassene  Schienen starren aus holprigem Teer. Postapokalyptische Anmutung. Die Stadt ist unter einer Schicht Entropie verschwunden. Aus den Toren der Fabriken, die nichts mehr produzieren, entweicht Sinnlosigkeit wie gefährliche Strahlung. Die zerfallenden Schornsteine stemmen einen überschweren Himmel.

Der Fluss mit seinen Windungen hat einst die Regeln der Stadtplanung festgelegt. Jetzt ziehen ein paar arbeitslose Angler Katzenfisch aus ihm heraus. Regnet es ein wenig, verwandeln sich die Wege in Schlamm und entlang der mürben Schwarzdecke bilden sich geografische Pfützen. Welche Bürger laufen auf solchen Bürgersteigen? Das Elend hat den Plan einer neuen Gesellschaft schneller durchkreuzt, als er fertig war. Um die Kirchenkuppeln schlängeln sich Heizungsrohre. Die Stadt bei trübem Wetter ist ein großer Ramschladen. Selbst Häuser, die kürzlich neu gestrichen wurden, erschrecken die Passanten mit der Unstimmigkeit ihrer Farben. Dazu die Werbung, die in die Augen sticht – schlimm und rücksichtslos wie die Losungen von einst. Die Stimmung eines russischen Jahrmarkts mit übertriebener Glückserwartung verwandelt sich in Enttäuschung. Ein Fest sollte es werden, aber alle Gäste sind auf dem Weg verunglückt und ein paar Versehrte, die sich heranschleppt haben, brauchen nichts mehr auszurichten. Der schnelle Aufbruch in die Zukunft endete im Supergau.

Das Wetter wechselt oft in diesen Gegenden Mittelrußlands, auch in der Politik. Und doch, man wünscht den Menschen hier nichts so sehr, wie Beständigkeit, Sicherheit und die Aussicht auf ein ruhiges Leben.

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