Winzavod – ein Ort zum Durchatmen


Wenn das Byzantinische in Moskau zu schwer und drückend geworden ist, wenn man sich von bunten Kuppeln und bunten Holzpuppen, bunten Straßenmalern und bunten Touristenläden erholen möchte, kann man hier durchatmen. Hier gibt es die monochromen Backsteintöne alter Industriearchitektur und eine Brise NewYork, Rotterdam oder London, aber doch mit dem kräftigen einheimischen Aroma. Winsavod -  Zentrum für zeitgenössische Kunst – ist der schönste und lebendigste Ort für aktuelle Kunst in Moskau, und für viele noch ein Geheimtipp, obwohl längst eine feste Instanz im Moskauer Kulturleben.

Um hinzukommen, fährt man mit der Metro bis zum Kursker Bahnhof. Das ist der eigenwilligste der Moskauer Bahnhöfe, hier beginnen die Reisen in den Süden und Südosten, Der Vorplatz wird immer von zahllosen Menschen frequentiert. Wenn man sich nicht von den Genreszenen ablenken lassen und ein paar soziokulturelle Studien betreiben möchte – man könnte zum Beispiel Ausschau halten nach den Reisegefährten Venedikt Jerofeews auf der Strecke  Moskau-Petuschki,  - wendet man sich nach links und geht unerschrocken entlang der Straßenbahnschienen abwärts, dann unter der Eisenbahnbrücke hindurch und folgt dann den Hinweisschildern.

Seit der Eröffnung von Winzavod im  Frühjahr 2007 ist hier viel passiert.  Vor allem haben hier die renommierten Moskauer Galerien ihr Domizil gefunden. Darunter die XL Galerie, seit mehr als fünfzehn Jahren eine feste Größe im russischen und internationalen Kunstbetrieb, die Galerien   Aidan und Gelman, deren Repertoire man sich nun an einem Ort anschauen kann. Daneben gibt es Fotogalerien, Konzept-Stores, Design- und Modestudios, Musikkneipen und Läden für Künstlerbedarf, Malwerkstätten für Kinder, Cafés, Theaterstudios und viel mehr. Nicht immer ist alles geöffnet, aber immer genug.  Man kann sich dank der Wegweiser zielgerichtet vorwärts bewegen, aber wer Zeit hat und Freude am assoziativen Sehen, wird sich auch gern treiben lassen und die Räume nach dem Zufallsprinzip erkunden.

Winzavod ist auch der Ort für Wechselausstellungen und Performance-Projekte und für große Kulturevents. Das Künstlerpaar Emilia und Ilya Kabakov zeigte 2008 seine russische Retrospektive, die Best of Russia Fotoausstellung findet jährlich statt, und die Moskauer Internationale Biennale für Junge Kunst lädt zu Entdeckungen ein.  Zurzeit sind im Rahmen der 3. Moskauer Biennale  zwei Installationen des Ateliers van Lieshout im Kesselhaus zu sehen -  Slave City und Cradle to cradle- eine Ausstellung, die   vom Folkwang Museum organisiert wurde.  Die Öffnungszeiten der Galerien sind menschenfreundlich für Moskauer Verhältnisse, von 12.00 bis 20.00 Uhr.  Die Welt verbessern durch Offenheit und Austausch, das wünschen wir uns doch.

Winzavod sucht den Schulterschluss mit der aktuellen Internationalen Kunstszene, bewahrt aber auch die Erinnerung an die Moskauer Hinterhof-Kultur der 70-er und 80-er Jahre, nach der wir uns manchmal zurücksehen. Die war zwar im Untergrund, aber offen, während die Moskauer Hofkultur nie über die symbolischen Kremlmauern  hinauskam.  Damals musste es für die Kultur zumindest ein Palast sein, jetzt gibt es Winzavod, eine ehemalige Schnapsbrennerei, und wir freuen uns über Hochprozentiges und Experimentelles, Subtiles und Schrilles, über die Moskauer Hipster und ein bisschen Déjà-vu.

www.winzavod.ru

Weitere Bilder

SimpleViewer requires JavaScript and the latest Flash player.

Get Adobe Flash player

zum Seitenanfang
zum Seitenanfang